„Lasse los, die du mit Unrecht gebunden hast…“

IMG_1865

Wenn Gebundene frei werden …

Eine ehemalige Marienschwester erzählt ihre Geschichte
Charlene AndersenHerausgegeben von:
Charlene und Peter Andersen

Ein Bericht aus dem Jahr 2007  :::::      „Mutter Basilea“ starb 2001

„Vorwort
Der evangelische Orden wurde 1947 von Dr. Klara Schlink, mit Schwesternnamen Mutter Basilea, und Erika Madauss, mit Schwesternnamen Mutter Martyria, gegründet. Leiterin der evangelischen Ordensgemeinschaft war von Anfang an die heute 94jährige Dr. Schlink, die in den dreißiger Jahren Psychologie studierte. Heute leben auf dem Klostergelände in Darmstadt etwa 180 Frauen aus 19 Ländern und einige wenige Männer (Franziskus-Brüder). Etwa 40 Marienschwestern sind in mehreren Niederlassungen im Ausland aktiv.
In den 50 Jahren ihres Bestehens sind die Marienschwestern durch zahlreiche Aktivitäten in die Öffentlichkeit getreten. Rüstzeiten, Einkehrtage, Jugendkonvente sowie Feste brachten Tausende von Besuchern nach „Kanaan“, wie der Klosterbereich in Darmstadt genannt wird.
Der klostereigene Verlag hat mittlerweile über 100 Bücher von Mutter Basilea herausgegeben, erbauliche Verteilblätter und ,,Kernworte“ sind in 80 Sprachen erschienen. Viele deutsche Zeitungsleser finden auf den Seiten mit den Todesanzeigen einen tröstlichen Zuspruch in Form eines Verses – unterzeichnet mit M.B.; er stammt von Mutter Basilea. Auch für ihr unerbittliches Eintreten gegen Abtreibung, Rockmusik, Pornographie und Okkultismus ( obwohl okkulte Wünschelrutengänger  ihr Gelände absuchten!? ) sind die Marienschwestern bekannt geworden.
Doch nun berichten ehemalige Ordensmitglieder über das ,,andere Gesicht“ der Ev. Manenschwesternschaft. Eine davon ist Charlene Andersen, die frühere Marienschwester Adaja
———————————-

Acht Jahre sind nun vergangen (geschrieben 2007), seit ich die in Deutschland beheimatete „Evangelische Marienschwesternschaft“ und ihr scheinbares Paradies „Kanaan“ verließ. Es war vielleicht die schwierigste Entscheidung, die ich je getroffen habe, denn sie bedeutete, ein Gelöbnis zu brechen, das ich nicht nur einmal, sondern wiederholt abgelegt hatte. Da ich überzeugt war, daß ehrenhafte Leute keine Versprechungen brechen, erschütterte die-ser Entschluß meine tiefsten Überzeugungen von Treue und An-stand. Nie hätte ich gedacht, daß ich so etwas tun würde. Jahre der Verwirrung und des Kampfes waren nötig, mich bis an den Punkt zu bringen, diesen durchgreifenden Schritt zu gehen. Angst und Schuld begleiteten ihn, denn man hatte mich überzeugt, daß mein ewiges Schicksal davon abhängen würde, ob ich die Prü-fungen, die meine Berufung mir auferlegte, bestand oder nicht. Ich war geistlich, seelisch und – in einem gewissen Maß – auch körperlich von der Schwesternschaft abhängig geworden. Und dennoch wurde ich vorwärts getrieben, als wäre Gott in seiner Macht und Liebe um mein Wohlergehen besorgt.
Seither haben viele Menschen gefragt, warum ich gegangen bin und wie es dazu gekommen ist. Vermutlich machen Sie sich eben-falls Gedanken darüber, obwohl Sie mich wahrscheinlich gar nicht kennen. Warum sollte eine geweihte Schwester nach so vielen Jahren die Ungewißheit der Sicherheit vorziehen und eine Ent-scheidung treffen, die in so vielen anderen Mißfallen erregen mußte, wo sie doch den Frieden Kanaans genoß und sich an dem scheinbaren Paradies der Schwestern erfreuen konnte? Warum sollte sie etwas tun, das ihr möglicherweise geistliche Wunden zufügen und den Herrn entehren würde? Und außerdem … sind denn nicht alle Schwestern glücklich? In aller Unschuld glauben das die meisten Menschen. Neulich schrieb mir eine Kanaan-freundin: „Ich bin sicher, daß Du viele Jahre glücklich gewesen bist. Warum hast Du Deine Meinung geändert?“
Um auf all diese Fragen eingehen zu können, muß ich mit Ihnen ins Jahr 1974 zurückgehen, als ich zum ersten Mal mit der Schwesternschaft zu tun hatte. Für die meisten von Ihnen wird es schwierig sein, einen Anknüpfungspunkt für ihr eigenes Leben zu finden. Dennoch hoffe ich, daß Sie, meine Leser, etwas entdecken werden, das Sie in Ihrem Leben berührt – etwas, das Sie ermutigt und Ihnen neue Einblicke schenkt. Ich habe nicht die Absicht, die aufrichtigen Gläubigen in Verruf zu bringen, mit denen ich mein Leben so viele Jahre geteilt habe. Mir ist klar, daß die Schwestern Menschen auf ihrem geistlichen Weg geholfen und Glaubensgeschwister, die Kummer hatten, ermutigt und getröstet haben. Aber dieser Dienst hat seine Schattenseiten, über die gesprochen werden muß. Ich bitte Sie, unvoreingenommen weiterzulesen.
Wir kennen zahllose Menschen, die gesegnet worden sind, aber wir wissen auch aus erster Hand von vielen, die verletzt und auf ihrem geistlichen Weg aufgehalten wurden. Was die Schwesternschaft der Außenwelt über ihr Leben vermitteln will, stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein, die viele von uns erfuhren. Meine Geschichte wirft Licht auf eine Denkart, die Gehorsam und Loyalität über Integrität und Aufrichtigkeit stellt sowie das Wohl des Systems über das Wohlergehen des einzelnen.
Eintritt in die Schwesternschaft

Als junges, 17jähriges christliches Mädchen hatte ich noch keine konkreten Vorstellungen von meiner Zukunft und war ungeschützt, schnell zu beeindrucken und auf typische Weise ideali-stisch. Nach dem Abschluß der High School verbrachte ich den Sommer auf Vorschlag meiner Eltern auf „Kanaan“, dem Zuhause der evangelikalen Marienschwesternschaft in Deutschland. In vielerlei Hinsicht war es erhebend, mit freiwilligen Helfern aus unterschiedlichen Ländern zusammenzuleben. Aus der Entfernung bewunderten wir die Schwestern, die – getrennt von den Helfern und Besuchern – abgeschieden in ihren eigenen Bereichen lebten. Wegen dieser Trennung hatten wir mit den meisten von ihnen nur wenig zu tun. Viele von uns jungen Frauen waren jedoch fasziniert von dem geheimnisvoll verborgenen Leben und der engelgleichen Erscheinung der Schwestern. Die meisten von uns befanden sich in einer Übergangsphase ihres Lebens, und so begannen wir die Möglichkeit zu erforschen, ob wir einen „Ruf zu diesem halb abgeschiedenen Leben haben könnten. Für Christus allem zu entsagen und ganz radikal und demonstrativ sein Leben darzubringen war gleichermaßen verlockend und heraus-fordernd.
Im Anschluß an den Sommer 1974 kehrte ich nach Kanada zurück und begann mein Studium an einer Universität. Zwar arbeitete ich in der Gemeinde und in kirchlich orientierten Hochschulgruppen mit, aber geistlich war Kanaan in meinem Herzen Heimat und Bezugspunkt geworden. Immer wieder las ich Mutter Basileas Bücher, verteilte all ihre Materialien und führte den Kanaan-Film in Gemeinden und auf Veranstaltungen vor. Die Schwestern lobten mich als eine „Feuerseele“ („entbrannt“ für den Kanaan-Dienst). Und so kam es, daß ich nach einer Unterbrechung meines Studiums wegen eines ausgedehnten Aufenthalts als Helfer auf Kanaan darum bat, mich der Schwestern-schaft als ständiges Mitglied anschließen zu dürfen. Ich war 20 Jahre alt.
Sechs von uns traten gleichzeitig bei: eine aus Deutschland, zwei aus Norwegen, eine aus Australien und zwei aus Kanada. (Eine enge Freundin aus Edmonton und ich traten gemeinsam bei.) Unsere erste Verpflichtung wurde im Rahmen einer festlichen Zeremonie gefeiert, an der alle Mütter und Schwestern teilnahmen. Praktisch gesehen, bestand unser erster Schritt darin, aus dem Haus der Helfer in unser eigenes kleines Appartment zu ziehen und damit in einem anderen Bereich Kanaans zu wohnen. Wir waren damit noch nicht Teil der Schwesternschaft-Familie, bereiteten uns aber schon abgesondert von den Helfern auf die offizielle Aufnahme vor. Diese sogenannte Probezeit dauerte ungefähr sieben Monate.
Als „Rufschwestern“ wurden wir zu besonderen Anlässen und zu den sonntäglichen Mahlzeiten in das Mutterhaus eingeladen, aber die meiste Zeit über arbeiteten wir oder waren unter uns, begleitet von einer älteren Marienschwester, der unsere Führung anvertraut worden war. Sie wurde „Kleinmutter“ genannt. Unser Tag war aufgeteilt in eine Menge Arbeit und ein Minimum an Freizeit. Morgens und abends waren wir sechs unter uns. Ohne Widerspruch waren wir mit allem einverstanden, was uns aufge-tragen wurde. Fragen und offene Diskussionen waren nicht ge-stattet, schließlich hatten wir den Weg Jesu gewählt, also den Weg des Gehorsams.
Nach und nach wurden wir in die Gepflogenheiten und Regeln der Schwesternschaft eingeführt. Beispielsweise war es uns allgemein nicht erlaubt, mit Helfern oder Gästen Kanaans zu sprechen, da Unterhaltungen uns von Gebet und Arbeit ablenken würden. Außerdem wurden wir davon in Kenntnis gesetzt, daß wir unsere Korrespondenz mit bisherigen Freunden einstellen sollten, weil durch das Leben in der Schwesternschaft keine Zeit mehr bleiben würde, um frühere Beziehungen pflegen zu können. Man sagte uns, wir dürften unseren Familien nichts von persönlichen Problemen oder Kämpfen schreiben, da persönliche Angelegenheiten nun ausnahmslos in das Umfeld unserer neuen Familie, der Schwesternschaft, gehören würden. Unsere „Kleinmutter“ erklärte uns sorgfältig all diese Erfordernisse, indem sie Bibelverse über Verleugnung, Opfer sowie die Kosten der Jüngerschaft und der Nachfolge Jesu verwendete. Außerdem erzählte sie uns, es sei ganz natürlich, daß unsere Berufung getestet werden würde. Satan werde uns mit Zweifeln angreifen, aber die-jenigen von uns, die treu den Kampf des Glaubens kämpften, würden siegreich bleiben.
Ich war einerseits glücklich, mich einer ausgewählten Gruppe von Frauen anzuschließen, die Jesus über alles andere liebten. Andererseits verwirrte und überwältigte mich das, was ich hörte und erlebte. Außerdem fühlte ich mich meiner Familie und meiner Heimat entfremdet. Ein Gefühl des Eingesperrtseins und der Machtlosigkeit beschlich mich. Und was noch schlimmer war:
Ich war unfähig, frei und offen mit anderen über diese Gefühle zu sprechen. Über persönliche Angelegenheiten durften wir nur mit den Müttern reden und mit einer Schwester, die uns zur Be-ratung zugeteilt worden war. Solche Gelegenheiten zum persönlichen Gespräch gab es jedoch nur begrenzt und in unregelmäßigen Abständen. In der Beziehung zu unseren jeweiligen Mitschwestern lautete die Regel: „kein Gespräch über Persönliches“. Ich fing an, mich unglaublich einsam und beladen zu fühlen.
Ich merkte, daß ich ohne die Freiheit, meine Gedanken, Meinungen und Gefühle ausdrücken zu dürfen, nach und nach den Zugang zu meinem eigenen Denken verlor. Die „Kein-Gespräch“-Regel war vielleicht die härteste Einschränkung, der ich mich während meiner Zeit in der Schwesternschaft stellen mußte. Wenn mir fragwürdige Aussagen und Gewohnheiten auffielen, konnte ich nicht offen mit einer Person meines Vertrauens darüber sprechen und fragen: „Kommt dir das nicht komisch vor? Fühlst du dich nicht durch dies oder jenes belastet? Was hältst du von dieser Regel?“ Mir blieben nur Selbstgespräche, und die endeten mit Schuldgefühlen, weil ich der Sünde des Fragens nachgegeben hatte. Im Laufe der Zeit führte die „Kein Gespräch“-Regel zu dem Gefühl, den Sinn für die Realität verloren zu haben.

Allein und verängstigt, verlor ich den größten Teil meiner Stillen Zeit dadurch, daß sich der wachsende seelische Druck in Strömen von Tränen entlud. Voran gehen mochte ich nicht, und dennoch bemühte ich mich vergebens, den Mut zum Ausstieg zu finden -jeder aus meiner Umgebung hätte mir Erniedrigung und Geringschätzung entgegengebracht. Ich hatte ja schon meine er-ste Verpflichtung abgelegt. Die Mütter hatten eine Bestätigung für Gottes Ruf für mein Leben erhalten. Wie konnte ich etwas anderes tun als zu bleiben und auszuharren? Schließlich wußten wir, daß es eine große Ehre und ein Vorrecht war, Marienschwester werden zu können. Von der Angst paralysiert, Gott, die Schwe-sternschaft und mich selbst zu enttäuschen, erneuerte ich meine Verpflichtung, täglich zu leiden. Bis zu einem gewissen Maß ver-suchte ich meinen Schmerz der Schwester mitzuteilen, die mir zur geistlichen Leitung an die Seite gestellt worden war. Ihr Rat war, immer und immer wieder zu sagen: „Ich will leiden.“ Ich beherzigte ihre Worte und schaffte es irgendwie, jeden Tag hin-ter mich zu bringen, indem ich vorgab, glücklich zu sein, und glaubte, glücklich zu werden, wenn ich nur ausdauernd im Gebet bliebe.
Ich hätte gern gewußt, wie sich die anderen Schwestern fühlten, die mit mir gerufen worden waren. Ich hatte keine Ahnung, ob sie traurig oder wahrhaft glücklich waren. Wir stellten natürlich nie persönlich gemeinte Fragen. Das Protokoll der Schwesternschaft bildete eine Schranke, die uns gefühlsmäßig voneinander trennte.
Die Schwestern beobachteten sorgfältig, wie wir uns verhielten. Da geschah es plötzlich, daß eine von uns auf demütigende Weise fortgeschickt wurde. Verstohlen brach sie die „Schranke“, indem sie mich eines Tages zur Seite zog und unter Tränen ihren Ängsten Luft machte. „Ich bin in großen Schwierigkeiten. Sie werden mich fortschicken, das spüre ich. Ich weiß überhaupt nicht, was ich verkehrt gemacht habe. Ich habe solche Angst. Bitte bete für mich.“ Still und schnell verließ sie unsere kleine Familie. Es gab nur ein paar erklärende Worte unserer „Kleinmutter“ und ansonsten keine weitere Diskussion. Man sagte uns, den Müttern sei klar geworden, daß die Marienschwesternschaft nichts für sie sei. Vermutlich war sie zu offenherzig, spekulierte ich.
Während dieser Zeit bekam ich eine eigene Disziplinierung zu spüren. Man erzählte mir, andere Schwestern hätten einen arroganten Ton in meiner Stimme festgestellt. Daher nahm man mir eine in gewissem Sinne angesehene Verantwortung, und außerdem bekam ich einen anderen Arbeitsplatz. Ich mußte jetzt unter der Aufsicht einer sehr strengen Schwester in der Wäscherei arbeiten. Dort, im Keller eines düsteren Gebäudes in einem abgelegenen Teil Kanaans, übergab ich meinen Willen immer wieder dem Herrn. Je stärker ich mich bemühte, alles richtig zu machen, desto stärker wurde ich kritisiert und bestraft. Tagsüber kämpfte ich darum, meine Gefühle zu beherrschen, aber nachts wachte ich schluchzend auf. „Was auch immer es kostet, ich will den
Weg der Demütigung gehen.

Ich will, daß mein Stolz gebrochen wird. Ja, Vater“, schrieb ich in mein Tagebuch. Ich war entschlossen, aus Liebe zu Christus voranzugehen. Nur ein Feigling würde jetzt kneifen. Aber zur selben Zeit wuchs die Angst. Ohne es zu wissen, machte ich außerdem eine Persönlichkeitsveränderung durch – ich kapselte mich ab, wurde unterwürfig und scheu.
Im Anschluß an diese trostlosen, schwierigen Monate wurden wir ins Mutterhaus aufgenommen. Während einer offiziellen Feier gelobten wir öffentlich, Jesus auf seinem Weg nachzufolgen. Es war ein ernstes Gelöbnis zum Dienen, zur Treue und zum Opfer, der Beginn des Lebens im Mutterhaus. Es war aber auch eine Gelegenheit zum Feiern und Fröhlichsein. Die Schwestern wußten, wie man feiert, und verwendeten viel Liebe und Aufmerksamkeit darauf, diese Ereignisse zu etwas Schönem und Besonderem zu machen. Nur für uns wurden Lieder komponiert und gesungen, und man überschüttete uns mit kleinen schwesterlichen Kostbarkeiten: Gesangbüchern nur für Schwestern, handgemalten Karten und religiösen Bildern. Jede von uns bekam ein personalisiertes Büchlein über unseren neuen Namen, reich verziert mit erlesener Kalligraphie. Ich fühlte mich als etwas ganz Besonderes und als hochwillkommen in der Familie.
Auf diesen Tag der Weihe folgten viele Änderungen. Wir gewöhnten uns daran. Die Mütter gaben uns neue Namen. Wir hatten ein neues Heim, eine neue Familie und neue Regeln. Ich bekam den Namen „Schwester Adaja“ oder „mein Adaja-Kind“, wie Mutter Basilea mich immer nannte. Ein wesentlicher Teil unserer neuen Identität bestand darin, daß wir Kinder von Mutter Basilea wurden. Ihr Kind zu sein, sei die höchste Berufung und das höchste Vorrecht, erzählte man uns unablässig.
Alltagsleben
Während der Probezeit merkte ich, daß viele Marienschwestern sehr lange arbeiten. Genaueres erfuhr ich nicht, aber mein Verdacht bestätigte sich in der Nacht, in der ich zum ersten Mal in meinem neuen Bett im Mutterhaus schlief. Die Aufregung we-gen der festlichen Aktivitäten hatte mich die ganze Nacht wach gehalten. Meine Zimmerkameradin, eine Schwester, die ein Jahr zuvor hier eingezogen war, kam ungefähr um 3 Uhr, mitten in der Nacht, von der Arbeit. Erschrocken dachte ich: „Wie soll ich das schaffen?“ Auf diese späte Nacht und diesen frühen Morgen folgten noch viele andere für diese Schwester. Ich wagte nie zu fragen. Ich war dankbar, daß ich selbst nicht so lange arbeiten mußte, aber sie tat mir leid, und ich fragte mich, wie sie eigent-lich bei so wenig Schlaf überleben konnte. Für diese und andere Schwestern mit besonderen Aufgaben war das Arbeiten bis spät in die Nacht ein „Opfer für Jesus“ und ein Zeichen geistlichen Eifers.
Der Stundenplan für uns neue Schwestern begann um 5.30 Uhr mit dem Aufstehen. Auf das Waschen mit Eimer und Waschbecken folgten 25 Minuten persönliche Stille Zeit. Um 6.28 Uhr gab es Frühstück, anschließend eine halbe Stunde Bibelstudium im „Zionssaal“ der Schwesternschaft. Dann folgten die „Hausämter“, und danach arbeiteten wir bis Mittag an dem uns zugewiesenen Platz. Nach dem Mittagessen hatten wir eine halbe Stunde frei. In dieser Zeit konnten wir Mutter Basileas Bücher lesen, beten, Briefe an unsere Familien schreiben, Grußkarten basteln oder uns die Haare waschen. Ohne Sondergenehmigung durften wir uns nicht hinlegen und ausruhen. (Mit fortschreitender Zugehörigkeit zur Schwesternschaft wurden wir ermutigt, unsere freie Zeit zu opfern, um zu arbeiten.) Eine ältere Schwester wurde uns zugewiesen, um uns in unser neues Leben einzuweisen. Sie war die meiste Zeit, die wir nicht am Arbeitsplatz verbrachten, bei uns. Jede Arbeits-„Familie“ hatte ihre „Kleinmutter“, der sie ver-antwortlich war.
Sie mögen zwar denken, daß unser Stundenplan sehr streng war, aber ich fand es eigentlich recht einfach, ihn einzuhalten – vielleicht, weil mir die Routine Sicherheit und Geborgenheit vermittelte.
Mutter Basilea bestimmte, was wir jeden Abend zu tun hatten, und das hing von ihrem Terminkalender ab. Im allgemeinen hatten wir zweimal die Woche eine gemeinsame Zeit (bzw. eine „Stunde“) mit Mutter Basilea oder eine Zeit der Anbetung und des Gebets. Andere Abende waren der Arbeit, dem Stopfen der Unterwäsche und der Socken oder der Stillen Zeit gewidmet. Gelegentlich hatten wir auch einen „freien“ Abend, oder ein Gast, z. B. ein Missionar, verbrachte einen Abend bei uns und gab uns Einblick in seine Erfahrungen. Diese Abende zusammen mit der Schwestern- und Bruderschaft sind mir in lieber Erinnerung geblieben. Da wurde gelacht, man verhielt sich ungezwungen und blieb doch gleichzeitig in tiefer Verehrung für den Herrn. Ich lernte anzubeten. Musik war ein wesentlicher Teil des Lebens in der Schwesternschaft. Wir liebten es, begleitet von unseren talentierten Musikerinnen Mutter Basileas zahlreiche Lieder zu singen.
Im Verlauf dieser zweiten Phase meines Lebens in der Schwe-sternschaft wurden die Dinge einfacher für mich. Ich wurde von der Wäscherei in den Verlag versetzt, in dem ich Freude an mei-ner Arbeit hatte. Es war mir eine Wohltat, Seite an Seite mit einer amerikanischen Schwester zu arbeiten, deren Freundlichkeit und gelassene Art mich zur Ruhe kommen ließen.
„Hausputz und Geistliche Reinigung“
Kanaan sollte eine Vorschattung des Paradieses auf Erden sein. Um diese Vision erfüllen zu können, waren Ordentlichkeit, Sauberkeit und Ordnung entscheidend. Die Gärten und Felder waren makellos, genau wie die Küchen, Wäschereien und alles übrige. Jede von uns, die wir auf Kanaan wohnten, investierte Zeit und Anstrengung, Kanaan und seine Gebäude sauber zu halten. Beim Geschirrspülen und beim Reinigen der Kapelle wechselten wir uns ab. Da körperliche Übungen nicht vorgesehen waren, blieben wir auf diese Weise immer in Bewegung. Die Kapelle des Mutterhauses frühmorgens vor dem Frühstück zu reinigen war zermürbend, aber am Geschirrspülen hatte ich Freude, ja sogar Spaß. Wir verschwendeten keine Sekunde, wenn wir tagtäglich hunderte von Tellern, Töpfen und Pfannen spülten und abtrockneten. Inmitten all dieser Geschäftigkeit waren immer Lieder oder gesungene Gebete zu hören.
Geistliche Reinigung, die Grundlage der Gemeinschaft, geschah ebenfalls in regelmäßigen Abständen, und zwar sowohl in bezug auf den einzelnen als auch auf gemeinsamer Ebene. Persönliche Sündenbekenntnisse gegenüber Mutter Basilea und Mutter Martyria waren notwendig und wurden erwartet. Wir bekannten unsere Sünden von Angesicht zu Angesicht, wenn wir zu einem persönlichen Gespräch eingeladen worden waren, oder wir schrieben unser Bekenntnis in einem Brief oder einem Beichtzettel nieder. Wir wurden ständig ermahnt, nichts für uns zu behalten, alles zu bekennen und in bezug auf unsere Gedanken und Gefühle „im Licht zu leben“. Durch Verbergen ungebeichteter Sünde hätten wir Satan Macht über unser Leben gegeben. Nach dem Bekenntnis sprachen die Mütter uns ihre Absolution und Vergebung zu und ermutigten uns, unsere Sünden zu bekämpfen.

Sündenbekenntnisse und Inhalte persönlicher Briefe wurden nicht immer vertraulich behandelt. Ich fand es sehr hart, daß Mutter Basilea manchmal Vertrauliches, persönliche Probleme und Sünden der gesamten Gemeinschaft mitteilte, vor allem, wenn es sich auf eine Schwester bezog, die den Orden verließ. Schwestern, die uns verlassen hatten, bekamen immer die Schuld dafür, und ihr Charakter wurde in Mißkredit gebracht. Die Bekenntnisse wurden gegen die Schwestern verwandt. Es war auch nicht ungewöhnlich, daß die Mütter Angelegenheiten aus den Sündenbekenntnissen in Hörweite anderer Schwestern zur Sprache brachten. Solche Vertrauensbrüche trugen dazu bei, daß ich den Müt-tern immer weniger vertrauen konnte.
Im Laufe der Zeit kränkelte Mutter Martyria immer mehr, und Mutter Basilea übernahm die Gesamtleitung, wozu auch die wöchentlichen „Lichtgemeinschaften“ gehörten. Auf der Grundlage von Johannes l ,9 sollten diese Sitzungen die Schwesternschaft von allen Übeln reinigen, die innerhalb ihrer Reihen auf der Lauer lagen. Wir hatten diese heiligen Treffen betend und willig anzugehen. Da es nicht erlaubt war, hinter dem Rücken anderer zu reden, sollten Klagen bei dieser Gelegenheit offen und auf „gesunde“ Weise vorgebracht werden. Auch hier herrschte wieder eine strikte „Kein Gespräch“-Regel über die Vorkommnisse in den Lichtgemeinschaften.
Und so wurden die „Lichtgemeinschaften“ durchgeführt: Eine Schwester nach der anderen bekannte zunächst Worte und Taten, die das Miteinander in Mitleidenschaft gezogen hatten. Während sie noch dort stand, war jedermann, der etwas Sündhaftes an ihr entdeckt zu haben glaubte, eingeladen zu sprechen. Ich bin erschrocken, zugeben zu müssen, daß ich es erhebend fand, die jeweilige Schwester zu kritisieren. Wenn ich so zurückdenke, bin ich schockiert darüber, wie rücksichtslos ich sein konnte. Man hatte uns beigebracht, daß wir unserer Schwester tatsächlich helfen und ihr Heiligung sowie geistliches Wachstum erleichtem würden, wenn wir ihr ihre Sünden aufzeigten. Also wurden wir ermutigt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Die „Lichtgemeinschaften“ dauerten Stunden, und oft brachen Schwestern, die heftig kritisiert wurden, zusammen, weinten und verdammten sich. Mutter Basilea, die vorn im Zimmer auf ei-nem Podest saß, war dieser Prozedur natürlich nicht unterworfen. Sie hatte zu jeder Schwester das letzte Wort. Manchmal sprach sie mitleidvoll, dann wieder war sie streng, beurteilte Motive und zog unrealistische Schlußfolgerungen. Unter vielen anderen Beispielen erinnere ich mich vor allem an eines: Einer Schwester wurde die Schuld dafür zugeschoben, daß eine andere Schwester schwerkrank geworden war, weil mit ihr, der beschuldigten Schwester, so schwer zusammenzuleben sei. Besonders einige sanftmütige Schwestern waren Zielscheiben für Kritik. Manche nahm man sich öfter vor als andere.
Während dieser Sitzungen war es nicht erlaubt, sich irgendwie zu rechtfertigen. Man hatte still und unterwürfig auszuhalten, was da gesagt wurde, und sich zu erniedrigen. Theoretisch hätte man Mißverständnisse und Ungerechtigkeiten an einem anderen Tag privat mit Mutter Basilea klären können, aber ich schätze, das kam selten vor. Die Zeit war knapp, Mutter Basileas Terminkalender war gefüllt und ihre Kraft begrenzt.
Ich glaube, den Schrecken jener Sitzungen habe ich nie über-wunden. Statt Harmonie und Heilung innerhalb der Gemeinschaft zu fördern, haben sie im Grunde, finde ich, Mißtrauen und Angst erleichtert. Man sagte uns, wir sollten die Demütigung annehmen und sogar die Verurteilung lieben, wodurch wir im Geiste die Hand Gottes küssen würden, die uns züchtigte.
Wegen dieser „Lichtgemeinschaften“ ertappte ich mich dabei, wie ich mich im Alltagsleben immer wieder umschaute, jedes Wort sorgfältig abwägend, ständig in dem Gefühl, jede Bewegung werde beobachtet. Einmal wurden während einer „Lichtgemeinschaft“ die Namen solcher Schwestern verlesen, die nicht genug lächelten. Man erwartete von uns, daß wir Glückseligkeit ausstrahlten – um jeden Preis, selbst wenn es bedeutete, unehr-lich zu sein. Wenn Sie mich damals gefragt hätten, ob ich glücklich sei, hätte ich ihnen eine begeistert positive Antwort gegeben. Und dennoch können andere frühere Mitglieder und ich bezeugen, daß viele von uns über lange Zeit unter Verzweiflung und Depressionen litten. Ja, ich verleugnete meinen wahren inneren Zustand und erzählte meinen Eltern und anderen, wie glücklich und zufrieden ich sei, während ich im Privaten so verstört war, daß ich mir wünschte und sogar ständig im Gebet darum bat, sterben zu können. Über seine Traurigkeit und Verzweiflung ehrlich zu sein hätte bedeutet, ein schlechtes Licht auf Christus und die Schwesternschaft zu werfen. Also lebte ich Gott zuliebe hinter einer Fassade aus gezwungenem Lächeln. Würde ich meinen Eltern meinen Kummer enthüllen, würde das Mutter Basileas Herz brechen, sagte mir meine Seelsorgeschwester, eine Leiterin des Ordens.
Leiden der Sünde wegen
Im Mittelpunkt von Mutter Basileas Lehren innerhalb der Schwe-sternschaft stand der Glaube, wir müßten „unsere Sünde ausleiden“. Zwar leugnete sie Christi Vergebung nicht, sie sei aber an Buße gebunden. Und Buße sei an gewissen Zeichen zu erken-nen, in anderen Worten: Man müsse auf irgendeine Art für seine Sünden leiden. „Also, es ist so, daß wir das, was nicht ausgelit-ten ist, die Strafe, die wir verdient haben, drüben noch ausleiden müssen“ (Mutter Basilea am 9. Januar 1989). Für jede Sünde, die nicht bekannt und ans Licht gebracht worden war, sei sie bewußter oder unbewußter Art, müßten wir in der Ewigkeit Rechenschaft ablegen. Eine nicht bekannte Sünde könne eine Seele daran hindern, in die Stadt Gottes einzutreten. Also beteten wir täglich, Gott möge unsere Sünden jetzt aufdecken, bevor wir in die Ewigkeit einträten und es zu spät sein würde.
Schwestern, deren Sünden in den „Lichtgemeinschaften“ umfassend aufgedeckt wurden, mußten sich oft Zeiten des Gerichts unterziehen, in deren Verlauf sie von den Abendtreffen und den Mahlzeiten mit den anderen Schwestern ausgeschlossen blieben.

Sie mußten allein und im Stehen essen, Sonderpflichten beim Geschirrspülen und Reinigen erfüllen und länger arbeiten. Diese Strafen suchten sie sich entweder selbst aus oder bekamen sie von den Müttern auferlegt. Bei manchen Schwestern blieb der Geburtstag unbeachtet, andere verzichteten auf freie Zeit oder auf ihren Urlaub. Ständig waren einige der Schwestern „unter Gericht“, wie man das nannte. Diese Zeiten der Reinigung sollten schließlich zu einer Erfahrung der Gnade führen. Man sagte uns, wir sollten solche harten Gerichtszeiten nicht geringschätzen, sondern sie annehmen, da sie uns läuterten und uns zu geprüften und bewährten, echten Marienschwestern machen würden. Wir sollten weder freundlich zu uns selbst noch einfühlsam gegenüber anderen sein, die sich „unter Gericht“ befanden. Gelegentlich instruierte man uns, einer bestimmten Schwester gegenüber, die gerade Gericht erfuhr, keinerlei Zeichen der Sympathie oder Freundlichkeit zu bezeugen. Sünde mußte eben sehr ernst genommen werden.
Mutter Basilea sprach oft sehr ernst über Sünde und Hölle. Ich lernte die Hölle zu fürchten und meine Erlösung anzuzweifeln. Mutter Basileas lebendige Schilderungen der Qualen der Verdammten sind mir noch lebhaft im Gedächtnis. Sie berichtete uns von Visionen über Nonnen und Priester, die ihrer Berufung untreu geworden waren und nun im Höllenfeuer verschmachteten. Auf diese Weise wurden wir herausgefordert, unsere Hingabe an unsere Berufung und an Jesus zu erneuern und zu vertiefen. Damit war natürlich auch Treue zu Mutter Basilea gemeint.
„In der Familie“
Innerhalb der Schwesternschaft galt das absolute Gebot, nicht über die Bußtaten der Schwestern zu reden – in der Schwesternschaft nicht und schon gar nicht gegenüber Außenstehenden, denn diese Informationen hatten „in der Familie“ zu bleiben. Tatsächlich wurde weder über die heiligen Enthüllungen, Visionen und persönlichen biographischen Filme Mutter Basileas noch über ihre spezielle nichtöffentliche Unterweisung der Schwesternschaft gesprochen. Man erzählte uns, Außenstehende seien geistlich nicht reif genug, solche Botschaften zu empfangen. Nur wir, die wenigen Bevorrechtigten, konnten sie schon jetzt hören. Später, nach der großen Weltkatastrophe, in einem neuen Zeitalter, werde es angebracht sein, diese Botschaften bekannt zu machen. Jetzt aber hatten sie strikt „in der Familie“ zu bleiben. Man drohte uns Gottes Strafe an für den Fall, daß irgend jemand von uns diese Regel übertreten würde.
In viele der nichtöffentlichen Zusammenkünfte innerhalb der Schwesternschaft, bei denen „In der Familie“-Botschaften zu hören waren, wurden junge Schwestern nicht einbezogen. Mit zunehmender Reife als Schwestern waren wir jedoch immer häufiger zu den Mahlzeiten und bei den Treffen mit den Müttern und den anderen Schwestern zusammen. Aber erst als wir unseren letzten Schwur ablegten und „Brautschwestern“ wurden, konn-ten wir an allem teilnehmen. Bei mir und den anderen, mit denen ich beigetreten war, fand das 1980 statt. Es war eine Ausnahme von der typischen Wartezeit von sechs Jahren zwischen Eintritt und „Brautweihe“. Eine richtige Schwester zu werden war ein fortschreitender Prozeß.
Ebenfalls nach und nach hörten, lasen und sahen wir das hoch-geheime „nichtöffentliche Familienmaterial“.

Zentraler Punkt darin war Mutter Basileas herausragende Stellung in Gottes Königreich und bei Gottes Erlösungswerk in der Welt. In Visionen und Offenbarungen wurde gezeigt, daß sie Gottes endzeitliches „Opferlamm“ war, das Gottes Zorn zurückhielt.

In ganz besonderen Augenblicken teilte sie mit uns etwas aus ihrem mysti-schen Leben, in dem es sinnliche Untertöne einer intimen Bezie-hung zu Jesus, dem Bräutigam, gab. Ihre mystische Welt enthielt aber auch viel inneres Leiden. Einige ihrer Enthüllungen kamen mir zunächst seltsam vor, aber mit der Zeit verschwand das Merkwürdige daran. Was mir einst überzogen erschienen wäre, war nicht nur normal, sondern hochgeistlich geworden.
Mutter Basilea verehren
Die Betonung der Person Mutter Basilea innerhalb der Schwesternschaft ging bei weitem über jede Beschreibung hinaus. Bei manchen Gelegenheiten wurde sie sogar über Christus erhoben. Die Schwester, die Mutter Basileas rechte Hand war, erzählte uns einmal, daß Jesus im Garten Gethsemane gesagt hatte: „Vater, wenn es dein Wille ist, so nimm diesen Kelch von mir …“ Mutter Basilea hingegen habe gesagt: „Vater, ich will den Kelch.“ Mit anderen Worten: Mutter Basilea übertraf Jesus, was das Annehmen des Leidens anging!

Das Leben der Schwestern drehte sich um die Mütter, besonders um Mutter Basilea. Ihre Gesundheit und ob sie der Schwestern wegen glücklich oder traurig war, das war von äußerster Wichtigkeit. Ihre Worte, ihre Taten und ihr Dienst wurden unablässig, bei jeder Mahlzeit und jeder Zusammenkunft, gepriesen. Ihre Gunst oder Mißgunst wurde als Got-tes Gunst oder Mißgunst angesehen. Jede Schwester beteiligte sich daran, sie privat und öffentlich so intensiv wie möglich zu verehren. Es war, als gewönne man um so mehr an Status und Gunst, je mehr Komplimente man ihr machte.
Ich hatte von Anfang an mit dieser Überbetonung Mutter Basileas zu kämpfen, aber mit der Zeit fand ich mich damit zurecht, wenn auch nicht gänzlich. Ich erinnere mich, in den späten achtziger Jahren eine leitende Schwester gefragt zu haben, ob man mit Mutter Basilea in allem übereinstimmen müsse, sogar in seinen Gedanken. Ich wurde für meinen Stolz gemaßregelt, überhaupt eine solche Frage zu stellen: „Wer bist du eigentlich, in Zweifel zu ziehen, was Mutter Basilea sagt?“ Sie war überzeugt, daß Mutter Basilea unfehlbar war.
In der Schwesternschaft gehörte es zum Überleben, Mutter Basilea zu preisen. Es war ein Lebensstil. Oft bemerkten sogar Außenstehende diese extreme Betonung, obwohl sie deren volles Ausmaß innerhalb des Ordens gar nicht kannten. Kritik von außen erreichte auch Mutter Basilea. Sie reagierte darauf, indem sie uns sagte, daß die Leute ganz einfach neidisch auf ihre Stellung und ihre Autorität seien. Auf jeden Einwand gab es eine einfache Antwort.
Jahre der Veränderung
Da man mich für eine wohlgegründete Marienschwester hielt, sandte Mutter Basilea mich 1980 zusammen mit drei anderen Schwestern nach Alberta (Kanada), um dort eine Niederlassung der Schwesternschaft zu gründen. 1982 wurde ich nach Phoenix (Arizona) versetzt, um dem sich entwickelnden Video- und Fernsehdienst auf die Beine zu helfen. Von der Bruder- und Schwe-sternschaft in Deutschland gedrehte Videos über Mutter Basilea wurden dort fertiggestellt und in Windeseile verteilt. Ich hatte Freude an dieser Herausforderung und an dem damit verbundenen Kontakt mit der Außenwelt. Ich genoß die Freiheit, die wir in dieser Niederlassung im Gegensatz zu dem rigide geordneten Leben im Mutterhaus hatten. Die „Lichtgemeinschaften“ waren nicht so einschüchternd, die Regeln wurden nicht so strikt über-wacht, und wir wurden nicht so stark geprüft. Ich weiß, daß auch andere Schwestern sehr viel lieber in dieser Niederlassung lebten als auf Kanaan in Deutschland.
In der Niederlassung hielten wir allerdings engen Kontakt mit dem Mutterhaus. Von „daheim“ bekamen wir geistliche Nahrung in Form von Tonbändern und Schriften, damit wir in Verbindung blieben. Jede von uns hatte einen regelmäßigen Briefwechsel mit Mutter Basilea. Aus jeder Niederlassung berichtete die leitende Schwester Mutter Basilea alles, was sie in bezug auf die Schwestern, die ihr unterstanden, beunruhigte. Wenn Mutter Basilea aufgrund dieser Berichte und Briefe spürte, daß eine Schwester sich von ihrem Herzen entfernte, wurde diese zu einer Zeit der „Erneuerung“ ins Mutterhaus zurückgerufen. Alle von uns hat-ten regelmäßig Gelegenheit, eine Zeitlang „heim“ nach Deutschland zu gehen, um wieder Anschluß zu finden, was sich dann als eine Zeit der Gnade, eine Zeit des Gerichts oder eine Kombination aus beidem entpuppte.
Nach über einem Jahrzehnt in der Schwesternschaft war mein Denken fast vollständig neu geformt worden – bis auf ein winziges Eckchen, das immer noch vergebens nach zufriedenstellenden Antworten auf grundlegende Fragen suchte. War der Fanatismus, der Mutter Basilea umgab, gesund? Er war direkt in die Schwesternschaft eingewoben, das wußte ich. Das würde sich nie ändern. Was war mit den Verurteilungen und Bestrafungen der Schwestern? Was mit der sektenartigen „Kein Gespräch“-Regel? Und mit diesem „In der Familie“-Kram? Wurde dies alles verborgen, weil es falsch war?

Was war mit den Visionen und Enthüllungen? Waren sie schriftgemäß? Was war mit meiner Unfähigkeit zu vertrauen, mit der ständigen Furcht vor Bestrafung, die ich verspürte? Waren die Ängste ganz einfach meine Sache? Ich versuchte diesen Fragen auf zweierlei Weise zu begegnen: Ich vernünftelte sie hinweg, indem ich mir sagte, daß kein Werk perfekt sei und es immerhin viele Beweise für Gottes Segen auf dem Orden gab. Und ich unterdrückte sie. Aber die Gedanken und Fragen stiegen wieder an die Oberfläche. Sie verschwanden nicht.
Ganz tief drinnen wußte ich, daß ich eine Lüge lebte – daß ich vorgab, jemand zu sein, der ich nicht war. Ich konnte nicht alles total schlucken, was gesagt wurde. Aber diskutieren konnte ich diese Dinge auch nicht. Wenn die Fragen in mir aufstiegen, hörte ich ihnen zu, nur um meinen kritischen Geist sogleich zu tadeln und mich zu bestrafen, daß ich solche Gedanken auch noch genährt hatte.
Obwohl ich wie eine glückliche Schwester wirkte, war ich es nicht. Die Fassade begann zu bröckeln, und ich stand zwei einander widersprechenden Versionen persönlicher Identität gegenüber: dem ausgeprägt aufrichtigen „Ich“ und der lächelnden, unglücklichen Schwester Adaja. Es war 1990.
1990
Unter nicht nachlassender Schlaflosigkeit, Depressionen, Angst und Gewichtsverlust leidend, verfiel ich zusehends. Ich hatte nicht den Mut, mich wegen all der Bedenken zu öffnen, die ich in mir verbarg. Meine Schuldgefühle wuchsen, denn ich stand zerrissen vor der Entscheidung, meine Gedanken zu bekennen oder eben dies aus Furcht vor den Auswirkungen nicht zu tun. Wieder näherte ich mich dem Punkt, einen Abschied zu erwägen.
Im Jahr 1986 hatte ich Mutter Basilea zum ersten Mal gestanden, daß ich darüber nachdachte, den Orden zu verlassen. Sie schrieb mir, ein solcher Schritt würde mich direkt in die Hände Satans führen. Ich hätte solche Gedanken mit aller Macht zu bekämpfen. Und das tat ich.
Aber die schlaflosen Nächte blieben und forderten ihren Tribut an meiner körperlichen und seelischen Gesundheit. Ich versuchte meine Probleme zu verstecken, so gut ich konnte, aber der Anspruch, unter dem ich so lange gelebt hatte, schwand. Ich wurde für sechs Wochen zurück ins Mutterhaus geschickt.
Kurz bevor ich dort ankam, hatten zwei lange Zeit dazugehörige finnische Schwestern den Orden verlassen und Mutter Basilea in einem Brief die Gründe dafür dargelegt. Mutter Basilea teilte uns ein paar Brocken daraus mit und sagte, er stecke so voller Lügen und Haß, daß sie ihn uns nie vollständig würde lesen lassen. Offen gestanden, mochte ich kaum glauben, daß der Brief wirklich so war, wie sie es beschrieb. Es war nämlich üblich, von Schwestern, die den Orden verlassen hatten, schlecht zu reden und sie zu denunzieren, also nahm ich sowieso alles, was gesagt wurde, mit einem Funken Zweifel auf. Was jedoch in diesem Fall geschah, war einfach unglaublich und brachte meine ohnehin aufgewühlte Seele völlig durcheinander. Abend für Abend versammelte sich die Schwesternschaft, sprach schlecht über die beiden Ausgeschiedenen und denunzierte sie. Wer immer etwas Negatives über sie zu sagen wußte, wurde ermutigt, es zu tun. Diesen Sitzungen folgte dann ein Ausbruch von Liebe und Treueschwü-ren gegenüber Mutter Basilea. Die Ex-Schwestern wurden zu „Judas-Seelen“ umgemünzt, und Mutter Basilea warnte, jeder spiele mit Satan, der ihnen gegenüber auch nur einen sympathischen Gedanken hegte. Ich konnte nicht akzeptieren, daß diese Frauen nur deshalb satanisch sein sollten, weil sie sich mit Mutter Basilea überwerfen hatten.

Die radikale Denunziation durch Mutter Basilea und die Schwestern nur wegen der Unstimmigkeiten war ein weiterer Faktor in meiner dahinschwindenden Loyalität. Jahre später erhielt ich eine Kopie des Briefes, den die beiden finnischen Schwestern im März 1990 an Mutter Basilea geschrieben hatten. Ob Sie es glauben oder nicht – Mutter Basilea hatte ihn vollständig verdreht. Er war ein in sorgfältig abgewogenen Worten geschriebener, höflicher Ausdruck ihrer Bedenken. Was sie schrieben, stimmte, und in der Tat hätte ich ihn auch selbst schreiben können. Andere ehemalige Mitglieder sehen das ebenso.
Es war nichts Neues, daß Mutter Basilea und ihre Theologie kri-tisiert wurden. Man erzählte uns, die Schwesternschaft werde immer stärker verfolgt werden, und man werde einzelne Schwestern über Lehren und Handlungen befragen. Wir waren darin trainiert worden, Personen, die Untersuchungen anstellten, durch Zurückhalten von Informationen entgegenzutreten und – falls wir im Zweifel waren – mit dem Satz „Wir leben gemäß der Bibel“ zu antworten.
Mutter Basilea sagte uns, einer Prophezeiung nach werde es auch Verfolgung innerhalb des Ordens geben. Schwestern würden sie betrügen und verleugnen, genau wie Jesus in seinen letzten Ta-gen auf Erden betrogen und verleugnet worden war. Mit der Abreise der finnischen Schwestern beginne die Prophezeiung sich zu erfüllen. Wiederholt sagte sie uns, diejenigen unter uns, die sich zu schwach fühlten, um die Verfolgung auszuhalten, seien frei zu gehen. Sie sagte, niemand halte uns gegen unseren Willen. Wir hätten aus freien Stücken gewählt, Marienschwestern zu sein, und aus freien Stücken wählten wir auch, ob wir in der Schwesternschaft bleiben wollten. Für mich ergaben diese Aussagen absolut keinen Sinn. In Wahrheit waren wir nicht frei zu gehen. Über die Jahre hatte Mutter Basilea uns einzeln und als Gemeinschaft vor der Gefahr des Höllenfeuers gewarnt, sollten wir unserem Ruf nicht mehr folgen. Regelmäßig hatten wir geschworen, daß wir ihr in der Zeit ihrer Prüfung treu bleiben würden. Wir waren von der Schwesternschaft abhängig geworden. Psychologisch gesehen, waren wir gebunden – nicht frei.
Für mich begannen die negativen Dinge insgesamt die positiven zu übersteigen. Gefühlsmäßig und psychologisch fing ich an, mich abzulösen. Im Herzen wünschte ich mir verzweifelt, ich würde gehen. Mutter Basilea hatte keine Ahnung von meinem wirklichen Dilemma. Meine letzten Worte an sie waren: „Ich gehöre hier nicht mehr her“, aber sie bestand auf: „Du gehörst zu mir.“ Völlig verzweifelt kehrte ich im Juni nach Phoenix zurück, äu-ßerlich immer noch in Treue zu Mutter Basilea, aber im Herzen keine Schwester mehr.
Was in den nächsten Monaten folgte, war eine dramatische Kette von Ereignissen, die ihren Höhepunkt darin fand, daß ich im November desselben Jahres ging. Überstürzt schrieb ich meinen Eltern einen Brief, in dem ich meinen Kummer erklärte und um ihre Hilfe bat. Sie erhielten ihn nie, weil die Post ihn auf meine Bitte hin abfing. Nachdem ich ihn abgeschickt und der leitenden Schwester der Niederlassung davon erzählt hatte, hatte mich die Reue gepackt. Sie setzte mich unter Druck, überredete mich, ich müsse bleiben, und warnte mich unter anderem, ich würde meinen Glauben verlieren, wenn ich ginge. Logisch befriedigende Antworten auf meine Fragen, die ich nun ganz offen stellte, hatte sie allerdings auch nicht zu bieten. Nachdem sie jedes nur erdenkliche Argument gebracht hatte, um mich zu überzeugen, sagte sie, es sei letztlich meine Entscheidung.

Während dieser Zeit wurde meinetwegen ständig mit Mutter Basilea telefoniert, und auch Faxe wurden ausgetauscht. Ich wußte, ich war dabei, eine Linie zu überqueren, hinter der eine Umkehr ganz unmöglich sein würde. Wenn ich nach all dem jetzt noch bliebe, hätte ich jahrelang unter Gericht zu leiden, schlußfolgerte ich. Und dennoch schwankte ich hin und her zwischen gehen und bleiben, unfähig, mich zu entscheiden. Nachdem ich so lange darauf verzichtet hatte, Entscheidungen zu treffen, wie hätte ich eine so zentrale Entscheidung allein fällen können? Also bat ich darum, mit einer Person außerhalb des Ordens darüber sprechen zu dürfen (mit meiner Mutter), aber das wurde abgelehnt. Man sagte mir, Mutter Basilea sei meine Ratgeberin und Vertraute. Sie verstand mich aber nicht, so daß ich auf mich al-leingestellt fortfuhr, im Gebet um Klarheit zu ringen. Der größte Durchbruch für mich persönlich bestand in der Erkenntnis, daß Treue zu Mutter Basilea nicht dasselbe war wie Treue zu Christus.

Der Wendepunkt
In einem letzten verzweifelten Versuch, zur Verständigung zu kommen, schrieb ich Mutter Basilea den offensten und aufrichtigsten Brief, den ich ihr jemals geschrieben hatte. Ich erzählte ihr von all meinen Qualen, durch die ich in all den Jahren gegangen war, Qualen, die ich nicht mehr ertragen konnte, erzählte ihr, es gäbe viele Dinge, mit denen ich nicht einverstanden sein könne, und daß ich ihr nicht vertrauen könne. Ich sagte ihr, wenn sie unter diesen Umständen spürte, ich solle mein ganzes Leben bleiben, würde ich es tun, aber ich würde niemals eins mit ihr sein. Ich konnte es nicht. Ihre Antwort, die ich ängstlich erwartet hat-te, überraschte mich: Sie sagte, ich solle gehen, und sie gab mir ihren Segen. Ihre Entscheidung und ihre Handlungsweise – eine geweihte Schwester so gehen zu lassen – waren anscheinend einmalig. Und in weiteren Briefen bot sie Unterstützung an und fand viele freundliche, liebevolle Worte.
Meinen Weggang kann ich nur als „Freilassung“ bezeichnen. Es hat mir nie leid getan. Mit der wiedergewonnenen Freiheit, kritisch denken, mich ausdrücken und eine Wahl treffen zu können, begann ich mich zu erholen und aufzublühen. Gewiß, da war auch noch ein Gefühl der Trauer, ein Gefühl, etwas verloren zu haben mit diesem Abschied von etwa 14 Jahren und all dem, was sie mit sich gebracht hatten. Da es unter den Schwestern keine wirkliche Offenheit gab, waren wir uns emotional nie sehr nahe, aber zu einigen Schwestern bestand eine Verbindung, deren Bruch schmerzte. Die Schwestern, die ich gut kannte, waren sehr freundlich zu mir, sogar als ich ging. (Das wäre allerdings ganz anders gewesen, wäre ich im Streit gegangen.)
Wenn eine Schwester geht, wird üblicherweise zensiert, was sie mitnimmt. Material der Schwesternschaft war natürlich zurückzulassen, auch die Korrespondenz mit Mutter Basilea hatte in der Schwesternschaft zu bleiben. Mir wurde erlaubt, einige wenige Briefe von Mutter Basilea auszusuchen und mitzunehmen -„gute“ Briefe ohne Verurteilungen oder anderes, das umstritten hätte sein können.

Mutter Basilea mußte dieser Auswahl zustim-men. Normalerweise mußte eine Schwester, die den Orden verließ, auch ihr „Stillebuch“ (persönliche Aufzeichnungen) zurücklassen. Aber niemand überprüfte das, also nahm ich meines mit. Wenn ich jetzt, Jahre später, in meinen Aufzeichnungen lese, bin ich schockiert wegen der Selbstkritik und des Hasses gegen mich selbst, die darin zum Ausdruck kommen. Mutter Basilea setzte den Briefwechsel mit mir auch nach meinem Weggang fort und versicherte mir, sie bete und unterstütze mich und denke oft in Liebe an mich. Aber nicht lange nach meiner Rückkehr ins Haus meiner Eltern bekam ich die unterschiedlichste Post, darunter auch einen Brief von Mutter Basilea, der nicht an mich, sondern an jemand anderes adressiert war. Er war versehentlich in meine sonstige Post geraten. Es verletzte mich, wie sie mich in diesem Brief beschrieb. Über meine Eltern fand sie nur mißtrauische Worte, und mir sagte sie „Bosheit auf dem Herzensgrund“ nach. Da ich ihren Verfolgungswahn in bezug auf ausgeschiedene Mitglieder kannte, nahm ich das nicht zu persönlich, aber enttäuschend war es schon, denn ich hatte die Gründe für meinen Weggang vorher genannt und war im Guten gegangen – dachte ich jedenfalls.
Das Leben danach
Ich war nun 34. Ein neuer Anfang ist nie leicht, aber meine Familie unterstützte mich und nahm mich unter ihre Fittiche. Bald begann ich, mich mit dem Trauma zu befassen, das ich durchmachen mußte. Im Gegensatz zu dem, was angeblich mit Schwestern geschieht, die gegangen waren, erlebte ich Segen. Mir widerfuhr Gutes, und das bis auf den heutigen Tag. Auch andere Ex-Schwestern sind erstaunt, wie gut sich die Dinge für sie entwickelt haben. Sie hatten Gottes Strafe erwartet und statt dessen Segen erfahren. Und die Trennung von der Schwesternschaft bedeutete keineswegs eine Trennung von Gott, seinem Segen und dem Leib Christi.
Zuerst war ich ziemlich überwältigt davon, mich in der Gesellschaft zurechtfinden zu müssen. 14 Jahre lang war ich nicht auf einer Bank gewesen. In Supermärkten und Geschäften fühlte ich mich seltsam fehl am Platze. Ich hatte keine Ahnung, wie man sich in den neunziger Jahren kleidete. Banale Aufgaben des Alltags schreckten mich und mußten in einem gewissen Ausmaß erst erlernt werden.
Ich brauchte lange, bis ich über meine Erfahrungen in der Schwesternschaft sprechen konnte. Aber als ich mich dann mitteilte, zuerst meiner Familie, dann gegenüber anderen, erfuhr ich eine noch größere Befreiung von der Knechtschaft und auch eine Befreiung von Mutter Basileas Einfluß auf mein Leben. Ich wurde frei von Angst.

Während dieser endlosen Jahre innerer Qual hätte ich mir nie vorstellen können, daß es mir eines Tages so gut gehen und ich gefühlsmäßig so gesund sein würde.
Zu den Dingen, die mir am schwersten fielen, gehörte die Kontaktaufnahme mit den beiden angeblich „bösen“ Finninnen, die die Schwesternschaft 1990 verlassen hatten. Während ich überlegte, ob ich das tun sollte, fürchtete ich mich immer noch vor Gottes Zorn. Das zeigte mir, daß die Fessel geistlicher Knechtschaft noch nicht vollständig gelöst war. Also wagte ich diesen gesunden Schritt im Jahr 1995. Die Verbindung mit ihnen gab mir mehr Freiheit und weckte den Wunsch in mir, auch mit anderen wieder in Kontakt zu treten, die den Orden verlassen hatten.
1993 verließ ich die Universität Alberta mit einem Abschluß in Sonderpädagogik. Ich hatte meine Nische darin gefunden, Kindern mit speziellen Bedürfnissen zu helfen. Meine Laufbahn als Lehrerin ist vielseitig und voller Überraschungen gewesen! Ich bin mit vielen wunderbaren, engen Freunden gesegnet worden. Gott hat mir ein neues Leben geschenkt und mich für eine neue, aufregende Welt geöffnet, die ich immer noch erforsche und an der ich mich erfreue.
In den Jahren, die auf meinen Abschied von der Schwesternschaft folgten, verspürte ich das Verlangen zu heiraten. Ich wußte, wenn es soweit kommen sollte, müßte es jemand mit Verständnis für meine einzigartige Vergangenheit sein. Ich konnte mir im Traum nicht vorstellen, wer das hätte sein können! Gott muß einen Sinn für Humor haben, denn – Sie mögen es glauben oder nicht – ich heiratete einen ehemaligen Bruder aus Kanaan!

Peter, der dort 17 Jahre lang der Bruderschaft angehört hatte, und ich fanden uns und wurden nach einer kurzen Zeit des Werbens im März 1996 in Edmonton im Rahmen einer wunderschönen Feier getraut. Die Tiefe des gegenseitigen Verstehens zwischen Peter und mir ist etwas ganz Besonderes.
Eine meiner wichtigsten Lebenserfahrungen ist, daß „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind“ (Römer 8,28). Ich verachte meine Vergangenheit nicht, denn der Schmerz dieser Jahre wird immer Teil von mir und von dem sein, was ich heute bin. Mein Leben in der Schwesternschaft hat Teile meines Lebens entwickelt, die mich tiefer gegründet und bereichert haben. Im Ergebnis bin ich stärker geworden und kann andere besser verstehen.
Einige abschließende Gedankencropped-1468590_692614364129996_2811277941700605171_n-2.jpg

(Das ist ein Gemälde von mir und ich dachte, es passt hier zu diesem Beitrag ; Hanna)

zum Schluss!
Ich hoffe, meine Geschichte hat Ihnen irgendwie helfen können. Sie sind vielleicht nicht in der Schwesternschaft, aber Sie fühlen sich auf andere Weise gefangen. Ich hoffe, mein Bericht erneuert in Ihnen ein Gespür für Gottes Güte. Er kennt Wege, einen jeden von uns auf stabilen Boden und zur Fülle des Lebens zu führen.
Mein Bericht wird vielleicht eine Warnung vor der subtilen Macht geistlicher Verführung sein. Wir müssen aufmerksam und wachsam sein. Als ich der Schwesternschaft beitrat, wußte ich nicht, worauf ich mich einließ. Zweifellos gab es rote Signale, doch ich zog es irgendwie vor, sie zu ignorieren oder zu unterdrücken. Es kann tragisch enden, wenn wir von dem Wunsch aus handeln (oder nicht handeln), zu gefallen, statt auf der Grundlage von Redlichkeit und Aufrichtigkeit.
Ich weiß nicht, ob man als Marienschwester wahrhaft glücklich sein kann. Vielleicht ist es möglich, wenn man aufhört, für sich selbst zu denken, und alles abkauft, was gesagt wird. Es bedeutet ja etwas, einer Elitegruppe von „Brautseelen“ anzugehören.
Mir ist klar, daß meine Geschichte von meiner Wahrnehmung beeinflußt ist, aber ich habe mein Bestes getan, die Wahrheit zu erzählen und meine Erfahrung genau darzustellen. Ich behaupte nicht zu glauben, daß meine Erfahrung ein Hinweis darauf ist, was die Mehrheit durchlebt. Ich bin jedoch auch nicht allein in meiner Erfahrung. Auch andere sind verwundet worden und er-heben ihre Stimme. Es macht mich traurig, daß die Schwesternschaft nicht auf die Beschuldigungen eingeht, sondern versucht, ihre Kritiker mundtot zu machen, indem sie den Charakter derjenigen verleumdet, die die Fragen aufwerfen. Auch seitens der Sympathisanten Kanaans hat sich wegen der umstrittenen Fragen ungeheuere Feindseligkeit gezeigt. Läßt man die Erfahrungen früherer Mitglieder, mißbraucht worden zu sein, beiseite, ergeben schon Mutter Basileas geheime Lehren genug, um den Tatbestand grober Verführung zu erfüllen.
Diejenigen unter Ihnen, die noch nie einer Sekte angehörten, werden diese Geschichte nur sehr schwer verstehen können. Und denjenigen unter Ihnen, die Verbindung zur Marienschwesternschaft haben, könnten meine Geschichte und unsere Internetseite eine Quelle der Erregung und des Kummers sein.

Es ist nicht unsere Absicht, Streit und Spaltung hervorzurufen, wie einige behaupten. Dennoch kann es keinen wahren Frieden und keine Versöhnung geben, wenn man Handlungen und Lehren vertuscht, die wohlmeinende, vor allem junge Leute verletzen und ausbeuten. Wir wünschen all denjenigen Heilung und Freiheit, die durch „Kanaan“ negativ beeinflußt worden sind. Zu diesem Zweck werden wir auch weiterhin die Wahrheit sagen. Lassen Sie uns daran erinnert sein, daß wir alle Gott gegenüber dafür verantwortlich sind, was wir mit unserem Wissen anfangen.

Quelle:

http://www.hauszellengemeinde.de/portal/index.php?topic=516.0

 

 

Werbeanzeigen